Interview #1: Ali N. Swetat

Ich weiß, mein letzter Beitrag ist schon ein bisschen her, das soll aber nicht heißen, dass ich nicht mehr blogge. Es bedeutet vielmehr, dass ich mit vielen anderen Dingen beschäftigt war und bin: Lesen, Ausarbeitungen schreiben, Hebräisch und Arabisch lernen, Tel Aviv anschauen, Bekannte treffen und vor allem neue Freundschaften aufbauen. Einer dieser neuen Freunde ist Ali bin Naser Swetat.

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Ali kommt aus Ma’alot-Tarshiha, einer Stadt im Norden Israels. Seit diesem Semester studiert er an der Universität Haifa. Schnell habe ich mich mit Ali angefreundet, er ist ein sehr feiner und intelligenter Mann. Als arabischer Israeli kann er mit mir wahlweise Arabisch, Hebräisch oder Englisch reden. Ich wollte mit ihm ein Interview führen, um zu verstehen, wie sich ein junger arabischer Mann in Israel fühlt und was seine Träume sind. Hier ist das Ergebnis:

Ali, wieso bist du zum Studium an die Universität Haifa gekommen?
Ich bin hier hergekommen, weil es die nächstgelegene Universität von meiner Heimat aus ist und weil es eine gute Universität ist.

Haben deine Geschwister auch schon hier studiert?
Nein, ich bin der erste.

Wie alt bist du und was studierst du hier?
Ich bin 20 Jahre alt und ich studiere Medizinwissenschaft (Medical Science).

Wie kam es dazu, dass du dich für Medizin interessiert hast?
Schon als ich jünger war, habe ich mich für Medizin interessiert, ich wünsche mir, eines Tages als Arzt zu arbeiten. Ich sehe mich selbst in der Zukunft als Doktor.

Hast du schon Erfahrungen mit medizinischer Praxis?
Ja, in der Schule habe ich einige Kurse belegt. Wir waren in Krankenhäusern und haben Test-OPs an Tieren durchgeführt. Zum Beispiel haben wir Tierherzen untersucht. Insgesamt hatte ich fünf Kurse, die etwas mit Medizin zu tun hatten.

Kannst du ein bisschen von deiner Schule erzählen, was für eine Schule hast du besucht und was waren deine Erfahrungen dort?
Ich habe die (arabische) Schule in Tarshiha besucht, in Tarshiha geht jeder dorthin, und die Schule ist sehr gut. Im Ranking der besten israelischen Schulen haben wir sehr gut abgeschnitten.

Waren dort nur arabische Schüler?
Ja, arabische Schüler und arabische Lehrer.

Und ihr wurdet auf Arabisch unterrichtet?
Ja. Aber später haben wir zum Beispiel Naturwissenschaften auf Hebräisch gelernt. Der Lehrer redete mit uns arabisch, aber die Bücher waren auf Hebräisch. Und, ich glaube, die Prüfungen schrieben wir auch auf Hebräisch.

Wie war das für dich, zwischen den Sprachen hin- und herzuwechseln?
Das ist nicht so schwierig, Hebräisch ist eine einfache Sprache. Und ich beherrsche Hebräisch gut. Also war es nicht so schwierig für mich.

Ali, du kommst aus einem arabischen Dorf. Wie ist das Zusammenleben dort?
In meinem Heimatort leben Muslime und Christen. Es ist dort sehr friedlich. Ich habe persönlich viele christliche Freunde,  wir leben friedlich zusammen, wir lieben und respektieren uns gegenseitig, das ist wirklich sehr gut.

Du bist Araber und lebst in Israel. Siehst du dich mehr als Israeli oder mehr als Palästinenser?
Ich bin ein arabischer Palästinenser, der in Israel lebt. Aber ich habe die israelische Staatsbürgerschaft.

Fühlst du dich ein bisschen wie gefangen zwischen zwei verschiedenen Identitäten?
Vielleicht. Ich kenne die Menschen im Westjordanland und in Gaza nicht. Und hier, ich weiß nicht, ich fühle mich schon zuhause hier, aber… ich weiß nicht recht. Hier ist der Ort, wo ich lebe. Aber manchmal gibt einem die Regierung das Gefühl, dass man als Araber unerwünscht ist. Und es gibt viel Rassismus.

Wenn ein richtiger palästinensischer Staat entstehen würde, würdest du dort leben wollen, z. B. im Westjordanland?
Nein, ich ziehe es vor, in meinem Heimatort zu leben. Ich würde gerne zu Besuch hingehen, aber wir dürfen nicht (als israelische Staatsbürger, d. Red.).

Fühlst du Rassismus und Diskriminierung im täglichen Leben?
Ja, oft. Hier an der Universität sieht man arabische Studenten immer alleine. Man weiß nicht, ob eine Person dich wirklich mag oder nicht, also ob ein jüdischer Israeli dich wirklich mag. Man muss ihn eine Weile kennen, um wirklich vertrauen zu können. Ich habe in einem Hotel in Nahariya gearbeitet und dort habe ich viel Rassismus erlebt. Meine Chefin war eine aus dem Irak stammende Jüdin und sie hat mich besonders schlecht behandelt.

Alle jüdischen Israelis müssen zur Armee. Wenn du auch müsstest, würdest du gehen?
Nein, ich mag keine Kriege und wenn es einen Krieg gibt, kann ich nicht gegen mein eigenes Volk kämpfen. Das ist unmöglich, das werde ich nicht tun.

Was sind deine Pläne? Du willst nach Europa?
Ja, Europa ist wunderschön. Ich möchte nach Norwegen, Finnland (…), an einen Ort, wo es friedlich ist. Oder nach Schweden. Und ich werde natürlich auch nach Deutschland kommen (lacht).

Kannst du dir auch vorstellen, als Arzt später hier in Israel zu arbeiten oder möchtest du gehen?
Ich möchte gehen. Ich werde hier herkommen, um meine Familie zu besuchen, mehr nicht. Ich werde meinen Heimatort besuchen, aber ich kann hier nicht leben. Hier weiß man nicht, was für eine Zukunft man hat. Auch aus wirtschaftlichen Gründen und wegen der vielen Kriege hier, und ich möchte in einer anderen Kultur leben.

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