Im Gedenken an Yitzchak Rabin

Zunächst war ich verwirrt. Warum wurde der Ermordung des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Yitzchak Rabin schon am Sonntag letzter Woche gedacht? Zumindest sagt doch Wikipedia, dass Rabin am 4. November 1995 in Tel Aviv von dem Jura-Studenten Jigal Amir erschossen wurde. Doch dann fiel mir der Grund ein und ich fragte einen Dozenten, der dies bestätigte: Der 20. Todestag Rabins wurde also nach dem jüdischen Kalender begangen, nicht nach dem mir bekannten gregorianischen. Deswegen fand bereits letzte Woche auch hier an der Universität eine Gedenkveranstaltung statt; ein Studenten-Quartett spielte melancholische Lieder, verschiedene Personen hielten Reden und zum Schluss sang man gemeinsam die israelische Nationalhymne – eine bewegende Zeremonie.

Wenn man in diesen Tagen in israelische Zeitungen schaut (in meinem Fall geschieht das ausschließlich über das Internet), dann ist Yitzchak Rabins Ermordung neben den täglichen Meldungen von neuen Messerattacken in Jerusalem oder dem Westjordanland das große Thema. Und dann werden diese beiden Stränge auch mal zusammengeführt und gefragt: Was würde Rabin tun? Wäre alles anders (besser), wenn Rabin nicht erschossen worden wäre? Große Fragen, auf die es natürlich keine Antworten gibt. Sie zeigen aber immerhin, welchen Stellenwert dieser Mann für die israelische Gesellschaft hat und welcher Schock seine Ermordung darstellte. Rabin ist zu einem Symbol für den israelisch-palästinensischen Friedensprozess geworden, sein Handschlag mit Yassir Arafat im Zuge der sogenannten Oslo-Verträge 1993 ging um die Welt. Schnell ist man bei solchen Bildern und Schlagzeilen geneigt, ein einseitiges, in diesem Fall ein einseitig positives Bild, zu gewinnen. Die Realität ist aber wie immer doch komplexer.

Bill_Clinton,_Yitzhak_Rabin,_Yasser_Arafat_at_the_White_House_1993-09-13
Rabin, Clinton und Arafat (v.l.n.r.)

Bevor Rabin in der Politik Karriere machte, war er lange Jahre im israelischen Militär tätig, und das äußerst erfolgreich. Er war in leitender Verantwortung im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 (von Palästinensern nakba, Katastrophe, genannt) und im Sechstagekrieg 1967 errang Israel unter seinem Kommando einen historischen Sieg über Ägypten, Syrien und Jordanien. Interessanterweise war es aber auch derselbe Rabin, der eine große Rolle in den späteren Friedensverträgen mit Ägypten und Jordanien spielte. Rabin war zweimal Ministerpräsident Israels, von 1974 bis 1977 und von 1992 bis zu seiner Ermordung 1995. Seine erste Amtszeit endete auch aufgrund eines finanziellen Skandals seiner Ehefrau.

Während seiner Zeit als Verteidigungsminister und während der Ersten Intifada sprach sich Rabin für besonders harte Methoden im Umgang mit palästinensischen Steinewerfern aus: Wir sollten ihre Hände und Beine brechen. Letztendlich war er es aber, der die politische Verständigung mit den Palästinensern suchte. Für seine Bemühungen erhielt er 1994 den Friedensnobelpreis. Kurz vor seiner Ermordung am 4. November 1995 hatte Rabin in Tel Aviv noch eine Rede gehalten. Darin sagte er unter anderem einen Satz, der mich sehr beeindruckt und der meines Erachtens einen Teil des Vermächtnisses Yitzchak Rabins darstellt:

Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.

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